Laudatio zur Ausstellungseröffnung in der Frauenkultur Leipzig

Es gibt Situationen, in denen ich bedauere, mich nie dem Streß eines Latein-Kurses unterzogen zu haben. Wenn ich Heikes Monotypien sehe, bin ich nämlich versucht, wohlklingende und umständliche Bezeichnungen dazu zu erfinden, die Folianten vergangener Jahrhunderte entlehnt sein könnten. Und sie müssten eben in Latein sein. Denn die Bildwelten erinnern so nachdrücklich an sorgsam verfertigte Dünnschliffe seltener Kong- lomeratgesteine aus norddeutschen Tiefebenen, an antibiotische Kulturen, die in Petrischalen geheimgehaltener Labore heranwachsen, an Fotos, die das Weltraumteleskop Hubble von verglühenden Sternennebeln in den hinteren Winkeln des Weltalls schießt oder auch an grafische Umsetzungen der mathematischen Quadratformeln einer Mandelbrotmenge. Zwar kenne ich Floskeln wie Lapis – der Stein – oder Dendrit – baumartig. Aber dann müssten letztlich noch mindestens zwei Attribute zur genaueren Bestimmung der Spezies nachfolgen. Wegen der Hervorhebung der Einmaligkeit. Und letztlich vielleicht noch als Zusatz „schmidtensis“. Aber der Name Schmidt ist ja, Entschuldigung bitte, nun kein wirkliches Alleinstellungsmerkmal.
Heike schreibt einfach nur „Komposition I bis ∞“ unter die Blätter. Dieser pragmatische Ansatz mag der tagtäglichen Brotverdienertätigkeit in einem wissenschaftlichen Institut geschuldet sein, wo es vor allem auf exakte Identifikation ankommt. Diese neutral-lakonische Durchnummerierung erweitert dann aber für den heutigen Rezipienten den Spielraum zur Interpretation, auch wenn man wirklich kein Latein beherrscht, und erleichtert dem künftigen Kunsthistoriker das Erstellen eines chronologischen Werkverzeichnisses.
Mehrdeutig bleibt allerdings der Begriff Komposition. Da schwingt das geschickte Zusammenstellen von Elementen aus einem vorhandenen Fundus mit. Doch nicht nur die Variationsmöglichkeiten tendieren ins Maßlose, auch der Arbeitsprozess changiert zwischen kühler Berechnung und spielerischer Akzeptanz des nicht kalkulierbaren Restrisikos eigenwilliger Materie. Zweifellos stellen sich viele Betrachter der Bilder die Frage, wie diese denn zustande gekommen sind. Da muss dann die ganz persönliche Öl-Krise erwähnt werden, welche der Künstlerin in den neunziger Jahren das Schaffen für einige Zeit unmöglich machte. Diese Art von Monotypie entsteht, indem Ölfarben mit einem Lösungsmittel, bevorzugt Terpentin, auf einer Flüssigkeitsoberfläche verwirbeln und dann ein Papierblatt aufgelegt wird, welches die Figuren jenes gesteuerten Chaos` schließlich fixiert. Mit den Tubenfarben aus DDR-Produktion ging das sehr gut, auch Importe aus östlicher Richtung waren tauglich. Doch die Überraschung kam nach 1990, als die Vorräte aufgebraucht waren und neue Farben angeschafft wurden. Das war ja unterdessen wesentlich einfacher geworden, im Prinzip. Doch die edlen Westerzeugnisse verhielten sich ganz anders. Das passiert auch in anderen Bereichen des täglichen Lebens. In der Terpentinlösung jedenfalls zeigte sie nicht die erwartete kräftige Durchmischung, sondern mikroskopische Verästelungen entstanden. Das ist sicherlich reizvoll, und in manchen Blättern findet der Effekt auch Verwendung, doch für die opulenten Farbexplosionen reicht es eben nicht aus.
So dauerte es Jahre, bis Heike ein geeignetes Ersatzmaterial fand. Dann folgte aber ein Schaffensrausch, der sich nicht nur auf die quantitative Produktion auswirkte. Die Technik wurde gezielt verfeinert. Die Wohnung verwandelt sich dazu für mehrere Tage in ein alchemistisches Labor, Besuch sollte in dieser Zeit besser nicht kommen. Auch Hermine und Neville, die beiden schwarzen Hauskatzen, erfahren dann etwas weniger Zuneigung. Kunst fordert Opfer.
Die meisten Blätter haben mehrere Bäder in der Emulsion mit zwischengeschalteten Trocknungsphasen hinter sich. Die Auswahl der Farbkombinationen erscheint noch nach- vollziehbar, aber wie dann mit Nadeln und anderen Instrumenten Einfluss auf die Form genommen wird, bleibt weitgehend Betriebsgeheimnis. Wenn die Bilder jedoch fertig sind, freut sich auch Heike darüber, immer neue Details zu entdecken, die nicht geplant waren. Dieser nicht ganz unerhebliche Rest an Spontaneität trägt ebenso zum Reiz der Blätter bei wie die kräftigen Farben und der unerschöpflich scheinende Reichtum an Feinheiten. Um aber das Zusammenwirken all dieser Komponenten in die passende Begrifflichkeit gießen zu können, hätte man halt Latein lernen sollen ...

Dr. Jens Kassner


Laudatio zur Ausstellungseröffnung in Torgau

Die Arbeiten, auf die sich diese Ausstellung konzentriert, geben einen Einblick in das aktuelle Schaffen von Heike Schmidt-Duderstedt. Sie sind das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit einer künstlerischen Technik, deren Wurzeln ursprünglich in der ästhetischen Gestaltung geschriebener Texte, später dann in der Buchgestaltung liege. Das Herstellen sogenannter Buntpapiere hat eine lange Geschichte. Aus dem 18. Jahrhundert sind aus dem alten Japan erste Versuche überliefert, Papier für literarische Zwecke farbig zu dekorieren. Über Persien und die Türkei kamen diverse Techniken nach Europa und wurden hier in verschiedene Richtungen weiterentwickelt. So entstanden Model- und Walkdruckpapiere, Schablonenspritzverfahren, verschiedene Oberflächendekore wie Holzmaser- und Moirepapier oder Metall- und Wollvelourpapier. Auch die bekannte Kleister-papiertechnik oder das Stempeldruckpapier sind aus diesen Gestaltungsexperi-menten hervorgegangen.
Während ihrer Buchbinder- Ausbildung hat Heike Schmidt-Duderstedt auch das Herstellen von Marmorpapier kennengelernt. Angeregt davon entwickelte sie ein Arbeitsverfahren, das Monotypien entstehen lässt – also originale, unwiederholbare Abdrucke.
Das Marmorieren gehört zu den Tunktechniken. Dabei wird zunächst Farbe auf die Oberfläche einer anderen Flüssigkeit aufgebracht, z. B. durch Spritzen oder Tröpfeln. Mit Hilfe von Werkzeugen wie Kämmen oder Stäben wird diese Farbe in einer bestimmten Form verteilt, so dass Muster entstehen. Nun wird ein Papier darüber gelegt, das die Farbe aufnimmt und die Muster seitenverkehrt abbildet. Mitunter kommen auch Hilfsmittel wie Ochsengalle zum Einsatz, die die Farbe zu- oder auseinandertreiben und die Musterbildung beeinflussen.
All diese Techniken waren Heike Schmidt-Duderstedt vertraut und boten Anknüpfungspunkte für eigene kreative Gestaltungen. Sie arbeitet und experi-mentiert mit Ölfarben, die
sie auf eine Wassergrundlage aufbringt und mit dem Papier abnimmt. Danach werden die Blätter getrocknet, mitunter weiter bearbeitet und abschließend gepresst. Alle ihre Arbeiten sind Originale, da die Farbverläufe in ihrer einmaligen Form nicht wiederholbar sind. Diese Art der Papiergestaltung erfordert viel Erfahrung und schnelles Arbeiten. Die gewünschten Effekte sind durch die fundierte Kenntnis der Technik zum großen Teil gezielt zu beeinflussen, wobei einige Details des Farbverlaufs sich auch zufällig ergeben können. Darin liegen zwar zum einen gewisse Grenzen der Technik, zum anderen aber vor allem auch ihre Potentiale. Durch den Einsatz spezieller Farbqualitäten und die Abfolge mehrerer Arbeitsgänge lassen sich faszinierende Wirkungen erzielen. Man spürt, wie sich die Künstlerin durch das Zusammenspiel von Farben und Formen zu immer neuen Variationen treiben lässt, wie sie ständig aus gefundenen Lösungen Ansätze zu weiteren Experimenten schöpft. Ihre Blätter bieten dem Betrachter einen wahren Fundus an optischen Reizen und animieren dazu einzutauchen in eine Welt der Strukturen und Farben, die der Fantasie keine Grenzen setzt. Große flächige Formen wechseln sich ab mit feinsten netzartigen Gebilden, es entstehen Spannungen durch Kontraste von Hell und Dunkel oder das Nebeneinander von Komplementärfarben. Mehrere übereinander gelegte Farbschichten erzeugen räumliche Transparenz, mitunter bilden sich auch scharfe Grenzen durch das Aufeinandertreffen verschiedenen Farbmaterials. Da beim Abziehen des Papiers von der Farbfläche nur eine hauchdünne Farbschicht aufgenommen wird, wirken die Arbeiten sehr zart und aquarellhaft. Heike Schmidt-Duderstedt verwendet nur die drei Grundfarben Magenta, Gelb und Cyan, die sich zu unzähligen Zwischentönen vermischen lassen. Sie gibt ihren Blättern keine Titel, sondern verwendet Nummerierungen, so dass der Betrachter völlig frei ist in seinen individuellen Eindrücken und Deutungen. Manche der Motive erinnern an organische Strukturen, andere an Materialoberflächen oder geometrische Formen. In jedem Fall lohnt sich ein längeres Betrachten der einzelnen Motive, um die unzähligen Details entdecken zu können. Dieser optische Spaziergang ist Erholung und Abenteuer zugleich.

Dr. Barbara Mohsen-Zaher